Auslöser für das Interesse an der Zeit, in der sich französische Truppen in unserer Gegend aufhielten, war eine Legende, dass im Wald bei Enichham drei französische Soldaten aus der Zeit der Napoleonischen Kriege dort begraben sein sollen.
Im Jahr 1800 verblieb Österreich als einziger Gegner Frankreichs auf dem europäischen Festland, gegen den Napoleon nach seiner Ägyptischen Expedition Krieg führte. Napoleon konnte die Österreicher in Oberitalien entscheidend schlagen, währenddessen die französische Rheinarmee in Süddeutschland gegen das letzte operative Heer des Kaisers vorging. Am 01. Dezember 1800 kam es zur Schlacht bei Ampfing. Der kommandierende französische General Moreau agierte geschickt, indem er seine Truppen zunächst nach Haag zurücknahm und die Truppenaufstellung umgruppierte. Dadurch kam man im Österreichischen Hauptquartier zu der Fehleinschätzung, dass der Weg für die kaiserlichen Truppen nach München frei sei. Es kam jedoch anders.
Bei der folgenden Schlacht am 03.12.1801 bei Hohenlinden fügten die Franzosen unter Moreau den alliierten bayrisch-österreichischen Truppen unter Johann von Österreich eine vernichtende Niederlage zu. Das Kaiserliche Heer war dadurch nicht mehr in der Lage, den französischen Vormarsch aufzuhalten. Die Franzosen zogen über Mühldorf und Rosenheim, Traunstein in Richtung österreichische Grenze, die Kaiserlichen Truppen Richtung Salzburg und ins Innviertel. Die strategisch wichtige Verteidigungslinie entlang des Inns, hielt nicht stand. Der Vormarsch der französischen Truppen und der Rückzug der Kaiserlichen Regimenter in Richtung Salzach verlegte die Kriegsereignisse nun in unsere Gegend.
Über die Geschehnisse während des Durchzugs und Aufenthalts der Französischen und kaiserlichen Truppen in unserer Gegend von Dezember 1800 bis zum Frühjahr 1801 geben uns die nachfolgenden Literaturquellen einige Einblicke: das Kriegstagebuch des Pflegers Johann Andreas (2), das Tagebuch des Krämers Gröndacher aus Törring (3) und der Kriegsbericht – die Franzosen in Tittmoning – von Anton Wernspacher (5).
Die Bevölkerung in unserer Gegend hatte es nicht leicht, sie litt enorm unter Requisitionen von Vieh, Fleisch, Mehl, Getreide, Schmalz, Butter, Heu und Stroh sowie von Plünderungen und Misshandlungen. Es wird berichtet, dass Häuser und Dörfer leer waren und die Einwohner in Wäldern und abgelegenen Futterställen gegen Furcht, Hunger und den Stürmen der kalten Jahreszeit kämpften (2). Auch kamen Menschen dabei zu Tode (2,6). Über den Aufenthalt der Franzosen in Kay gibt jetzt erstmals eine Literaturquelle Hinweise.
Nachfolgend die Schilderungen über die Vorkommnisse in unserer Gegend: Ein Teil der Truppen, die nach Trostberg marschierten, zog über Freutsmoos (bei Palling) nach Törring, wo sie am 11. Dezember nachts um 11 h 30 ankamen, das Dorf plünderten und nach 12 Stunden nach Laufen weiterzogen. Am 13. Dezember erreichten französische Truppen dann Tittmoning, die die Stadt vorerst glimpflich davon kommen ließen. Das änderte sich aber sehr bald. Am 02. Januar 1801 rückten mehrere Kompanien der 94sten Halbbrigade unter General Puthod im Pflegegericht Tittmoning ein. Etwa 300 Mann wurden in der Stadt und über 500 auf dem Lande einquartiert (2). Man konnte sich unter diesem Befehlshaber zwar gut arrangieren, Betrügereien und Exzesse gab es aber weiterhin. In jedem Dorfe mit einem Hauptmann gab es ein Gefängnis, das bei Wasser und Brot selten leer war. Die Stadt litt aber weiterhin von den sehr hohen und kostspieligen Auslagen für Heu und Hafer, die auch nach Laufen, Waging und Salzburg geliefert werden mussten. Man sah sich genötigt, mit den Franzosen sogenannte Heuvisitationen zu machen und die Abgabe bei den Bauern zu erzwingen. Erst am 17. und 18. März 1801 zogen die Franzosen in aller Ordnung Richtung Palling ab. Es gab aber weiterhin Requisitionen, Durchmärsche und Einquartierungen. Am 25. März kamen erneut 154 Chasseure (Jäger, Infanterie) des 10ten Regiments, sowie weitere Abteilungen, die nach Fridolfing, Tengling und Palling zogen. Ihre Forderungen nach Proviant, Futter oder Vorspanndienste wurden als noch unmäßiger (schlimmer) geschildert. Am 2. April zogen auch sie endlich ab. Ihnen folgten in einem Zeitraum von 6 Stunden über 5000 Mann Fußvolk, die den Bauern erneut Pferde und Wägen mit Gewalt abpressten und viele Gegenstände zerschlugen. Am 5. April zog schließlich auch die verbliebene Sauvegarde, die Schutzwache ab.
Wernspacher (5) berichtet, dass während der Zeit 2 Franzosen umkamen. Einer fiel auf der Salzach ins Wasser, der andere überlebte ein Duell mit seinem Kameraden nicht. Über das Gebiet von Kay sind keine besonderen Vorkommnisse erwähnt, so dass die drei toten Franzosen im Wald bei Enichham tatsächlich wohl eine Legende sind. Allerdings findet sich in seinem Bericht eine genaue Truppenaufstellung über die im Pflegegericht Tittmoning gelegenen französischen Truppen (5). Darin ist zu lesen, dass in Kay und Conkurrenz Teile der 94ste Halbbrigade stationiert waren: mit 1 Offizier, 7 Unteroffizieren, 1 Domestik, 90 Soldaten und 2 Pferden, also insgesamt 94 Mann. Ankunft in Kay war der 3. Januar und Abmarsch der 17. März 1801.
Mit Concurrenz ist die Umgebung also die zugehörigen Gebietsteile in der Nähe gemeint, vermutlich Hausmoning, Salling oder Mühlham und ggf. weitere angrenzende Orte. Eine Gemeinde gab es damals noch nicht. Vielleicht war auch die Pfarrei damit gemeint, die später fast identisch mit der Gemeinde war. Interessanterweise ist Kay genannt und nicht etwa Mühlham, das damals als Obmannschaft als Unterorganisation im Pflegegericht geführt wird, so dass der Schwerpunkt der Einquartierung in Kay zu vermuten ist. Der Domestik (Zivilist) könnte vielleicht der Diener des Offiziers oder sogar die Frau eines Offiziers gewesen sein. Wie dem Bericht zu entnehmen ist, waren während des Kriegsverlaufs in Kay außer dem genannten Zeitraum keine französischen Soldaten mehr stationiert. Für die Ortschaft Kay mit den damals ca. 100 Einwohnern waren die aufgeführten 94 Soldaten sicherlich eine erdrückende Belastung. Gerechnet auf die ca. 500 Soldaten, die außerhalb der Stadt Tittmoning lagerten, entsprach das einen Anteil von 20%. Bei Pferden ist der Unterschied jedoch sehr deutlich, 2 zu 291 Tieren gesamt. Die berittenen Einheiten der Franzosen waren hauptsächlich südlich vor dem Laufener Tor in Tittmoning aufgestallt. Im Tagebuch des Krämers Gröndacher (3) wird Kay nicht erwähnt. Das Gleiche gilt auch im Bericht aus Laufen (2).
Häufig sind Kirchbücher, in denen Taufen, Hochzeiten und Sterbefälle aufgeschrieben sind, eine Quelle von Vorgängen, die sich ereignet haben. Gröndacher erzählt zwar von Todesfällen, die sich jedoch nicht in den Törringer Kirchbüchern finden lassen. Auch Namen sind nicht explizit genannt, so dass sich die Darstellungen von Gröndacher wahrscheinlich auf das Hören-Sagen über die Ereignisse im Umland beziehen. Im Bericht im Salzfass (2) gibt es Beschreibungen für Todesfälle in der Stadt Laufen verursacht durch französische Gewalt. Auch ist erwähnt, dass es in den Kirchbüchern in Jahre 1801 doppelt so viel ledige Kinder gegenüber dem Vorjahr gab (24 gegenüber 12). Es wird von über 57 Opfer von zahlreichen Vergewaltigungen berichtet mit entsprechenden Folgen.
In den Sterbeeinträgen in den Kayer Kirchbüchern aus der Zeit 1800 – 1801 wurden keine auffälligen Sterbefälle gefunden. Dies wären sicherlich eingetragen worden. Auch in den Taufbüchern sind keine unehelichen Kinder ersichtlich, die durch sexuelle Übergriffe der Soldateska entstanden sein könnten. Im Kayer Kirchenarchiv wurde für die Zeit von 1775 bis 1861 ein gesondertes Taufbuch für uneheliche Kinder geführt. Sie wurden darin als „unrechtmäßige Nachkommen“ (proles illegitima) bezeichnet. Das Jahr 1801 enthält 6 Kinder, geboren zwischen 1. Februar und 9. August. Der Geburtseintrag des einzigen wahrscheinlich Infrage kommenden Kindes ist schwer zu entziffern. Es stammt vermutlich von einem Martin S, und einer Witwe aus Mühlham. Falls es tatsächlich Todesfälle und Übergriffe gab, wurden sie nicht in den Kirchbüchern dokumentiert. Das wäre aber bei der Akribie der Priester bei den Eintragungen eher ungewöhnlich gewesen.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Napoleonische Soldaten auch in Kay stationiert waren. Es gibt aber bisher nur wenig Belege dafür. Andere Orte wie beispielsweise Tittmoning, Törring, Laufen und Fridolfing waren sehr viel mehr von der Anwesenheit der Besatzungstruppen betroffen, wenngleich die enormen Abgaben die ländliche Bevölkerung in ihrer Existenz bedrohten.
Für spätere Durchmärsche in den Kriegsjahren 1805, 1806, 1809 und 1810 konnten bisher noch keine Dokumente für Kay gefunden werden. Allerdings ist es sehr wahrscheinlich, dass auch Kay stark davon betroffen war, da in der ehemaligen Nachbargemeinde Asten für 1805, 1809 und 1810 von Durchzügen und Stationierungen Französischer Truppen berichtet wird und die erheblichen Schäden im Jahr 1815 nach dem Ende der Napoleonischen Kriege durch das Landgericht Tittmoning aufgenommen wurden (7). In einem Zeitungsbericht von 1806 wird gemeldet, dass das Herzoggut in Kay vollständig niedergebrannt ist, es soll durch die kriegerischen Ereignisse 1805 ausgelöst worden sein (8).
Zu den Koalitionskriegen der Napoleonischen Zeit ist noch zu berichten, dass ein Martin Prambs (*12.11.1787), Sohn des Bauern vom Bischofsgut in Meggenthal, beim Russlandfeldzug 1812, bei dem Bayern an der Seite von Napoleon kämpfte, vermisst wurde. Er diente wahrscheinlich im Königlich Bayerischen 2. Linien-Infanterieregiment Kronprinz. In einer Zeitungsmeldung aus dem Jahre 1862 wird Martin Prambs wegen seines Nachlasses für Tod erklärt (9). Von den 33.000 teilnehmenden bayerischen Soldaten am Russlandfeldzug im Jahr 1812 kehrten nur wenige hundert Soldaten lebend in ihre Heimat nach Bayern zurück (10).
Literaturangaben
(1) Wikipedia: Schlacht bei Hohenlinden
(2) Salzfass Heimatkundliche Zeitschrift des Historischen Vereins Rupertiwinkel e. V., 35. Jahrgang, Heft 1/2001
(3) Tagebuch des Krämers Gröndacher aus Törring, Handschrift 410 a des Historischen Vereins von Oberbayern (Stadtarchiv München).
(4) Das Pfleggericht war vom 15. bis zum frühen 19. Jahrhundert eine mit hoheitlicher Gewalt ausgestattete Verwaltungseinrichtung der unteren Ebene u. a. auch in Salzburg. Ihm stand ein Pfleger vor. Er übte die zivile Verwaltung, Polizei- und strafrechtliche Gewalt aus. Zudem hatte er die militärische Leitung inne.
(5) Franzosen in Tittmoning von Anton Wernspacher in Beyträge zur Geschichte des Aufenthaltes der Franzosen im Salzburgischen und den angränzenden Gegenden, Bd. 9, Herausgegeben von Judas Thaddäus Zauner 1802.
(6) Heinrich Held (1909). Geschichte der Pfarrei Palling.
(7) Heimatbuch der ehemaligen Gemeinde Asten (2016), S. 264 ff.
(8) Intelligenzblatt von Salzburg (1806). Jg. 7 S. 547 (30.08.1806), Quelle MDZ
(9) Bayerische Zeitung. Mittag-Ausgabe (1862), Jg. 57 S.9-12 (03.10.1862). Quelle MDZ
(10) Peter Leuschner (1980). Nur wenig kamen zurück.
